Wir haben es in der Hand

Das Leitbild der Agenda 21 für ein selbstbestimmtes und verantwortungsvolles Leben in Recklinghausen

Präambel

1992 einigten sich 179 Länder in Rio de Janeiroauf der bis dahin größten Gipfelkonferenz der Vereinten Nationen darüber, wie es mit unserer Umwelt und mit der Weltwirtschaft weitergehen soll. Ein Plan für die zukünftige Entwicklung unserer Welt wurde entworfen, die Agenda 21. Agenda heißt so viel wie: Was zu tun ist. Und die Zahl 21 steht für das 21. Jahrhundert.

 

Einer der entscheidenden Begriffe der Agenda 21 war und ist der der „nachhaltigen Entwicklung". Was bedeutet dieser zugegebenermaßen etwas spröde Begriff? Nicht mehr und nicht weniger, als dass wir die heutigen Bedürfnisse so gestalten müssen, dass die Lebensgrundlagen künftiger Generationen hier und weltweit nicht weiter beeinträchtigt oder gar zerstört werden. Entscheidend dabei ist: Wir können die Zukunft der Menschheit nicht nur Regierungen anvertrauen, sondern es ist die politische Aufgabe aller Menschen, unsere Wirtschafts und Lebensweise wieder mit den natürlichen Lebensgrundlagen in Einklang zu bringen.

 

Den Kommunen und Gemeinden kommt bei der Umsetzung der Agenda 21 eine Schlüsselrolle zu. Warum? Viele der in der Agenda 21 aufgeführten Probleme und Lösungen beruhen auf lokalen Maßnahmen wie beispielsweise dem Bau und Unterhalt von Straßen, der Trinkwasserversorgung, der Gestaltung von Häusern und Industrieanlagen.

 

Die Kommunen sind es, die die lokale Umweltpolitik vor Ort festlegen und gleichzeitig mithelfen, die überregionale und nationale durchzusetzen. Über öffentliche Erziehungs- und Bildungseinrichtungen können sie positiven Einfluss auf die Meinungs- und Bewusstseinsbildung nehmen. In den Kommunen wohnen und arbeiten die Menschen; nehmen als Verbraucher die vielfältigsten Wirtschaftsgüter in Anspruch. Hier vor allem ist der Ort, wo die sozialen, ökologischen und ökonomischen Schwerpunkte umzusetzen sind, die das Handlungsprogramm der Agenda 21 thematisiert; hier treten sie auch in einen globalen Zusammenhang.

 

Es ist nur möglich, diese Ziele auf kommunaler Ebene zu verwirklichen, wenn sich alle gesellschaftlichen Gruppen mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen aktiv einbringen. Kommunalpolitik und Stadtverwaltung müssen deshalb mit Einwohnerinnen und Einwohnern, Gemeinschaften, Handels-, Verkehrs- und Industriebetrieben Kontakt aufnehmen, um Informationen zu sammeln, sich gemeinsam zu beraten und einen Konsens über die nachhaltigen Entwicklungsstrategien zu erzielen.

 

Das hier vorgelegte Leitbild wurde von den Einwohnerinnen und Einwohnern der Stadt Recklinghausen, den Vertretern der lokalen Gemeinschaften, Organisationen usw. beschlossen. Es beschreibt Eckpfeiler einer wünschenswerten gesellschaftlichen Entwicklung in unserer Stadt. Nach diesem Leitbild werden wir in den kommenden Jahren unsere Entscheidungen und unser auf die Zukunft orientiertes Denken ausrichten und überprüfen.

 

Dieses Leitbild wird für unsere Stadt das Verständigungsinstrument im Dialog zwischen Politik, Verwaltung und Einwohnerinnen und Einwohnern auf dem Weg in eine Zukunft sein, die menschenwürdig ist und mit der Umwelt verantwortungs- und respektvoll umgeht.

1. Verantwortung und Mitbestimmung

  1. Auf dem Weg zur Bürgerkommune wollen wir ein beteiligungs- und mitwirkungs freundliches Klima schaffen.
  2. Die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern findet möglichst frühzeitig, bestenfalls schon zu Planungsbeginn - z.B. in Form von Orts- und Stadtteilrunden, Runden Tischen, Zukunftswerkstätten oder unter Einbeziehung von Stadtteilbüros - statt.
  3. Von Bürgerseite angestoßene Projekte und Ideen - wie beispielsweise die Paschgrabeninitiative oder der Schulbauern- und Naturschutzhof Suderwich - werden nach Möglichkeit gefördert.
  4. Besondere Beachtung verdienen in diesem Zusammenhang die Interessen von Kindern und Jugendlichen.

2. Arbeiten und Wirtschaften

  1. Die Bürgerinnen und Bürger, die in den Recklinghäuser Betrieben und Verwaltungen arbeiten, tragen mit ihrem Konsum- und Freizeitverhalten dazu bei, die natürliche Umwelt durch weniger Schadstoffe, Lärm,Wärme und Abfälle zu entlasten. Sie bevorzugen Umwelt- und Sozialgerecht hergestellte Waren und nutzen verstärkt regionale Angebote.
  2. In den Unternehmen wird das Vermeiden, Vermindern und Verwerten von Abfallstoffen vorangetrieben, bis alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind.
  3. Die landwirtschaftlichen Betriebe orientieren sich immer mehr am ökologischen Landbau; die artgerechte Tierhaltung setzt sich allmählich durch. Die Institutionen und Unternehmen Recklinghausens nutzen alle sozial gerechten, wirtschaftlich tragfähigen und umweltverträglichen Möglichkeiten, Arbeitsplätze zu erhalten und neu zu schaffen.
  4. Beim Einsatz von Materialien für die Produktion und den Produktionsablauf, den Bürobedarf und den Kantinenbetrieb achten die Betriebe und Verwaltungen auf umweltgerechte und fair gehandelte Produkte.
  5. Die Unternehmen unterstützen ihre wirtschaftlichen Erfolge durch eigene Beiträge zur Erhaltung der natürlichen Umwelt und zur Verbesserung der sozialen Lebensqualität. Die Aufklärung und Bildung der Mitarbeiter, was ihr Konsumverhalten angeht, wird dabei gezielt berücksichtigt. Große Unternehmen und Verwaltungen sollen Vorbildcharakter haben.
  6. Innovationen bei energiesparenden Produkten, neuen Energieformen und in der Umwelttechnologie müssen gezielt gefördert werden, denn sie schaffen Arbeitsplätze.
  7. Eine flexible Arbeitszeit kombiniert die Wünsche der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit den wirtschaftlichen Anforderungen des Betriebes. Das Arbeitsvolumen in der Kommune wird durch flexible Regelungen der Arbeitszeit besser verteilt, was auch zu einem vermehrten Angebot von Teilzeitbeschäftigungen führt. Frauen und Männer haben so mehr Möglichkeiten, Familie und Erwerbsarbeit besser zu vereinbaren, unter der Voraussetzung, dass ein Maximum an Chancengleichheit gewährleistet wird.
  8. Für die Betriebe ist der Wandel zu einer konstanten Größe geworden; das „lernende Unternehmen" verändert seine Organisationsstruktur ständig und experimentiert mit neuen Formen. Es stellt hohe Anforderungen an Flexibilität und Innovationsfähigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch an das Verantwortungsbewusstsein des Unternehmens für seine Beschäftigten. Die ständige Modernisierung der Arbeitswelt verlangt ein lebenslanges Lernen. Die Arbeitgeber bieten daher ihren Beschäftigten, die sich ihrer Verantwortung für den Betrieb bewusst sind. Möglichkeiten zur Fortbildung an.
  9. Bei der Besetzung von Arbeitsplätzen und Führungspositionen achten Unternehmen, Verwaltungen und Betriebe darauf, dass das Verhältnis von Männern und Frauen aus gewogen ist, wie auch das von deutschen und ausländischen, behinderten und nicht behinderten Menschen.
  10. Globalisierung und Technisierung führen immer stärker zu regionalen und internationalen betrieblichen Vernetzungen. Die Betriebe und Verwaltungen unterstützen die Fortbildung der sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
  11. Die Recklinghäuser Unternehmen stellen sich durch ihr wirtschaftliches Handeln darauf ein, dass im Zuge der Globalisierung in den Firmen Standards und Normen angestrebt und ausgebaut werden, die ein soziales und umweltgerechtes Arbeiten und Wirtschaften ermöglichen.
  12. Die sinnvoll eingesetzten modernen Technologien helfen, Arbeitsabläufe zu erleichtern und die Technik menschenwürdiger zu gestalten. Dabei muss der Gefahr entgegengewirkt werden, dass es zu einer Aufteilung in hochqualifizierte Dauer beschäftigte und geringer qualifizierte Arbeitskräfte, die ständig von Arbeitslosigkeit bedroht sind, kommt.
  13. In den Betrieben und Verwaltungen Recklinghausens werden Hierarchien immer stärker abgebaut, es wird der kollegiale Führungsstil gepflegt und wirtschaftliche Verantwortung im Rahmen der Möglichkeiten an kreative Teams delegiert, die wenigstens teilweise autonom und selbständig entscheiden und handeln können; denn die Identifikation der Beschäftigten mit ihrer Arbeit ist eine unverzichtbare Voraussetzung für Leistung und Entwicklung in der Wirtschaft.
  14. Wenn sich Männer für den Erziehungsurlaub entscheiden, wird dies von Unternehmen und Institutionen gefördert. 
  15. Die Unternehmen und Institutionen erstellen Frauenförderpläne und sorgen für gleiche Entlohnung und Qualifizierungschancen; sie ermöglichen Frauen das Erlernen und Ausüben von sogenannten klassischen Männerberufen.
  16. Soweit wie möglich sollen vor allem regionale Ressourcen genutzt werden, was Personal, Material und Dienstleistungen angeht.
  17. Die gemeinnützigen und bisher ehrenamtlich erbrachten Tätigkeiten sind ebenso anzuerkennen und zu fördern.

3.Bildungsziele

  1. Schulen und Bildungsinstitute erhalten einen hohen Grad an Selbständigkeit und Eigen verantwortlichkeit.Sie können sich daher den notwendigen Veränderungen schnell anpassen.
  2. Die öffentlich verantwortete Bildung in Kindergärten,Schulen,der Volkshochschule und Fachhochschule setzt Maßstäbe bzw. Standards. Die Menschen, die diese Bildung vermitteln, sind sich ihrer Vorbildfunktion bewusst.
  3. Unsere Kindergärten,Schulen, die Volkshochschule und die Fachhochschule bedeuten in ihrer Gesamtheit„ ein Haus des Lernens", indem nicht nur Wissen vermittelt wird, sondern fachliches Denken in größere Zusammenhänge gestellt wird. Es werden Möglichkeiten für ein umweltgerechtes, gesellschaftlich-solidarisches und politisches Handeln geschaffen. Diese Standards der öffentlich verantworteten Bildung in Kindergärten,Schulen, der Volkshochschule und der Fachhochschule haben Vorbildfunktion.
  4. Unsere Schulen vermitteln ein Verhalten, das sozial,einfühlsam und mitmenschlich rücksichtsvoll ist.Sie schärfen das Bewusstsein für Vorurteile und Diskriminierungen in der Gesellschaft und lehren Kinder und Jugendliche die Möglichkeiten der Konfliktbewältigung.
  5. Durch die Bildung in unserer Stadt werden die Bemühungen gefördert, die eigene Identität zu finden; sie unterstützt und fördert die Achtung vor der Integrität anderer sowie den Respekt vor dem andersartigen Mitmenschen und Mitbürger.
  6. Die Bildung in unserer Stadt unterstützt eine differenzierte, wechselseitige Wahrnehmung der Geschlechter und ihres Verhältnisses zueinander sowie eine Veränderung dieser Wahrnehmung, sodass ein gleichberechtigtes Zusammenleben und arbeiten besser möglich wird.
  7. Durch die Bildung soll die Mitverantwortung aller Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt für die Gestaltung der ökologischen, sozialen, politischen und kulturellen Verhältnisse gestärkt werden.
  8. Sie gibt den Menschen angesichts des raschen Wandels der Wertvorstellungen, der Vielfalt der Lebensformen und der sozialen Beziehungen Möglichkeiten, sich zu orientieren.
  9. Die Umweltbildung ist eine dauernde Aufgabe. Sie wird nicht einseitig theoretisch, sondern wirklichkeitsbezogen, lebensnah und praxisorientiert gelehrt.
  10. Damit sich der einzelne mit der Kommune bzw. dem Gemeinwesen, in dem er lebt, identifizieren und ein Interessensausgleich aller Bürger gelingen kann, ist ein anwendungsorientiertes Lernen notwendig, das Bezüge zu biografischen, historischen, umfeldbezogenen und geschlechtsspezifischen Erfahrungen hat.
  11. Die ständigen Veränderungen von Wissen und Qualifikationen in einigen Lebensbereichen und die Globalisierung und Internationalisierung der Lebensverhältnisse erfordern ein lebenslanges Lernen. Die Erwachsenenbildung hält in der beruflichen, sprachlichen, kreativen, gesundheitlichen und politischen Bildung alle Möglichkeiten lebensbegleitenden Lernens für alle Ziel- und Altersgruppen bereit und fördert Angebote, die den verschiedenen Ziel- und Altersgruppen gerecht werden.
  12. Die Zukunft der Bildung ist ohne neue Medien, ohne Multimedia nicht denkbar. Die Inhalte des Wissens werden sich durch neue Wissensbestände und Qualifikationsanforderungen verändern, ebenso die Formen der Wissensaneignung durch mediales Lernen. Die Bildungsinstitutionen nutzen alle Möglichkeiten der zukunftsfähigen Ausbildung der Lehrenden und Lernenden.
  13. Bei allen neuen Anforderungen an Bildung, Wissen und Qualifikation sollen die Formen und Inhalte des Lernens und Lehrens sowie die Gestaltung der Lernorte selbst Körper, Geist und Seele gleichermaßen berücksichtigen.
  14. Kindergärten, Schulen,Volkshochschulen, Fachhochschulen, private und andere Bildungsträger begreifen, dass dies eine gemeinsame Aufgabe ist; sie arbeiten zusammen und bauen diese ihre Kooperation in Projekten weiter aus.
  15. Sowohl die Beachtung der Geschlechtsunterschiede bzw. Geschlechterdifferenz wie auch die der Gleichstellung der Geschlechter sind Bestandteil aller Bildungskonzepte und Bildungsangebote in den Bildungsinstitutionen.
  16. In den Erziehungs- und Bildungseinrichtungen sind Männer und Frauen gleichermaßen für eine zukunftsfähige Erziehung von Jungen und Mädchen in den Familien tätig, im Sinne eines emanzipierten Männer- und Frauenbildes.

4. Zusammenleben

  1. Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Recklinghausen setzen sich für einen Umgang miteinander ein, der Unterschiedlichkeiten von Menschen in Hautfarbe, Geschlecht, Alter, Religion und (sexueller) Lebensform als Vielfalt und Reichtum begreift.
  2. Menschen aus anderen Staaten, die in Recklinghausen leben, sollen wissen, dass sie eine Bereicherung sind und nicht diskriminiert werden. In der Stadt werden Rassismus und jede Form von Unterdrückung aufgedeckt und geahndet.
  3. Den Frauen ist bewusst, dass ihr Potential und ihre Fähigkeiten notwendig sind in Politik, Bildung und Erziehung, in Kunst und Kultur und in der Wirtschaft. Sie eröffnen und gestalten Lebensräume in der Stadt aus weiblicher Sicht und Perspektive selbstverständlich mit.
  4. Männer erkennen und wertschätzen die Potentiale von Frauen in allen Lebensbereichen. Sie teilen mit den Frauen Entwicklungs-, Entscheidungs- und Handlungsräume in Beruf, Politik, Bildung, Kunst, Kultur, Wirtschaft und Haushalt.
  5. Kindern und Jugendlichen ist klar,dass sie auf dieser Erde länger leben werden als die Erwachsenen. Sie formulieren ihre Ideen, ihre Kreativität und ihre Sorgen und bringen sie ein. Sie machen sich stark für die (Lebens-)Rechte der zukünftigen Generationen und werden entsprechend beteiligt.
  6. Menschen mit und ohne Behinderungen fordern einen achtsamen Umgang mit den Behinderungen und jenen Menschen, die eine Behinderung haben, ein. Nur so wird ein Miteinander, das alle Beteiligten bereichert, ermöglicht. Die Anliegen von Menschen mit Behinderungen werden in allen Lebensräumen berück sichtigt.
  7. Alte Menschen, die das meiste Erfahrungswissen in ihrem Leben sammeln konnten, werden entsprechend gehört. Dies ist eine generationsübergreifende selbstverständliche Sichtweise.
  8. Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Recklinghausen machen sich bewusst, dass sie Teil eines Ganzen sind und sowohl für das Lokale als auch für das Globale Verantwortung tragen.

5.Lebensqualität und Gesundheit

  1. Wir wollen gut leben statt viel haben, denn das kommt nicht nur der Natur, sondern auch unserem Körper zu gute. Es dient unserer Gesundheit und unserem Wohlbefinden. Eine gesundheitsfördernde Lebensweise ist der beste Schutz gegen Krankheiten und sorgt für Genuss ohne Nebenwirkungen.
  2. Die in Recklinghausen im Gesundheitswesen Engagierten- wie Krankenhäuser, Krankenkassen, Ärzte,Therapieeinrichtungen,Selbsthilfegruppen,die Volkshochschule usw.-nutzen alle Möglichkeiten der Verzahnung und des fachlichen Austausches,um eine bedarfsgerechte und nachhaltige Versorgung zu gewährleisten, die auf einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen beruht.
  3. Beim Einkauf versorgen sich die Bürgerinnen und Bürger nicht nur mit Konsumgütern, sondern treffen in direkt auch tagtäglich politische Entscheidungen. Als Konsumentinnen und Konsumenten bestimmen sie mit, was und wie auf dem Weltmarkt bevorzugt produziert wird. Daher fördern die Bürgerinnen und Bürger von Recklinghausen durch ihr Einkaufsverhalten eine verantwortliche Produktion von Konsumgütern.
  4. Die Bürgerinnen und Bürger kaufen regionale und saisonale Produkte (d.h. solche,die von bestimmten Jahreszeiten abhängig sind) ein und stärken damit regionale Märkte, um Transport wege und damit Energie einzusparen.
  5. Sie wollen fair gehandelte Produkte, umweltweit zu einer gerechten Entlohnung und menschenwürdigen Arbeitsbedingungen beizutragen.
  6. Umweltschonende bzw. biologisch erzeugte Produkte haben Vorrang, damit die Böden, das Wasser, die Luft und alle Lebewesen sowenig wie möglich belastet und unsere Lebensbedingungen und unsere Gesundheit langfristig nicht gefährdet werden.
  7. Beim Einkauf sollen Produkte erworben werden, durch die man Energie und Ressourcen sparen kann, um die natürlichen Rohstoffe dieser Erde nicht weite rauszubeuten und damit kommenden Generationen die Lebensgrundlage erhalten.
  8. Es werden abfallvermeidende Produkte bevorzugt, d.h. solche, die langlebig, separierbar und wiederverwertbar sind, um die Müllberge so klein wie möglich zu halten und die verwendeten Rohstoff ein Stoffkreisläufen solange wie möglich zu nutzen.
  9. Die Bürgerinnen und Bürge rachten darauf, dass Lebensmittel, Textilien und andere Produkte aus artgerechter Tierhaltung stammen, um persönlich zu einer lebenswürdigen Existenz von Tieren beizutragen.
  10. Die Bürgerinnen und Bürger reduzieren den Fleischkonsum, um die enorme Umweltbelastung von Wasser und Böden durch Gülle zu verringern und weltweit mehr landwirtschaftliche Nutzfläche für den Anbau pflanzlicher Nahrungsmittel für den Menschen nutzbar zu machen. Es sollen keine weiteren Waldflächen für Weidefläche abgeholzt werden. Eine Reduktion des Fleischkonsums ist zu dem gesundheitsfördernd und steigert das eigene Wohlbefinden.

6. Unterwegs sein

  1. Diejenigen Bürgerinnen und Bürger,die zu Fuß gehen bzw.mit Fahrrad, Bus oder Bahn fahren, sollen Vorrang haben vor dem motorisierten Individualverkehr; sie wählen für jeden Zweck das ressourcenschonendste Verkehrsmittel, z. B. auch im Urlaub.
  2. Unsere Stadt soll eine sein der kurzen Wege, insbesondere im Hinblick auf Arbeits-, Einkaufs-, Versorgungs- und Freizeitwege.
  3. Sofern es die Betriebsstruktur erlaubt, bringen die Unternehmen unserer Stadt die Arbeit zu den Beschäftigten.
  4. Die Nahverkehrsunternehmen unserer Stadt (z. B. Speditionen, Busunternehmen und die Bahn) sorgen für einen gut funktionierenden Öffentlichen Personennahverkehr auf Schiene und Straße.
  5. Unsere Stadt trägt bei der Verkehrsplanung wegweisend und mutig zu neuen, innovativen und auch unkonventionellen Lösungen bei.
  6. Das Straßenverkehrssystem unserer Stadt ist sinn- und maßvoll ausgestaltet; alle Verkehrsteilnehmer können sich gleichberechtigt und sicher fortbewegen. Das System der Radwege ist gut und sicher ausgebaut. Es ist auf angstfreie Räume zu achten.
  7. Gesamtgesellschaftlich sind die Bürger und Bürgerinnen von Recklinghausen bereit, als Verursacher ihren Anteil an den Kosten der Mobilität zu tragen.
  8. Jede Institution und Organisation vermeidet im eigenen Bereich unnötige Fahrten und fördert die Nutzung des jeweils umweltverträglichsten Verkehrs- bzw. Transportmittels in wirtschaft lich vertretbarem Rahmen.
  9. Der Aufbau und Einsatz neuer Technologien u. a. im Bereich der Telekommunikation soll nachdrücklich unterstützt und gefördert werden, um Wege zu vermeiden.
  10. Kleinräumige Strukturen wie Betriebsfilialen oder kleine Einzelhandelsgeschäfte sollen möglichst erhalten werden, zumindest soweit sie wirtschaftlich tragfähig sind, um Einkaufswege zu verkürzen.
  11. Die ortsansässigen Unternehmen, Gewerbetreibenden, privaten Dienstleister und Behörden unterstützen ihre Beschäftigten und Kunden bei der Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel.
  12. Streckenführungen und Fahrpläne des Öffentlichen Personennahverkehrs richten sich nach Wegen, Zeiten und Rhythmen von Arbeit und Freizeit. Kindergärten, Schulen, Einkaufsorte, Behörden, Freizeitstätten, Wohngebiete und Dienstleistungen müssen gut erreichbar sein.
  13.  Die Verkehrsunternehmen tragen z. B. durch Verbrauchs- und emissionsarme Fahrzeuge zur Verbesserung der Umwelt bei.

7. Stadtplanung und Wohnkultur

  1. In unserer Stadt soll bereits am Stadtbild erkennbar sein, dass für die Bewohnerinnen und Bewohner nicht nur Entwicklungen des eigenen Stadtteils und der eigenen Stadt, sondern auch größere Zusammenhänge von Bedeutung sind. Sie können eigene und andere Interessen erkennen, benennen und berücksichtigen.
  2. Die Organisationen und Institutionen unserer Stadt planen und bauen im eigenen Bereich vorbildlich und halten dabei Planer und Bauhandwerk dazu an, möglichst ressourcenschonend zu bauen.
  3. Unsere Stadt soll eine ausgewogene Infrastruktur haben sowie hohe Wohnqualität in allen Ortsteilen.
  4. In unserer Stadt werden neue Gewerbeflächen sehr umsichtig und behutsam ausgewiesen und genutzt.
  5. In unserer Stadt ist ein fester Bestand an preiswerten Mietwohnungen vorhanden.
  6. Bei der Wohnungswahl sollen außer finanziellen auch ökologische, gesundheitliche und soziale Aspekte mit einbezogen werden. Ist ein fester Bestand an preiswerten Mietwohnungen vorhanden, werden bei der Wohnungswahl außer finanziellen auch ökologische, gesundheitliche und soziale Aspekte mit berücksichtigt.
  7. Beim Bau und der Renovierung von Eigenheimen achten die Bürgerinnen und Bürger in ökonomischem Rahmen auf den Einsatz ressourcenschonender Materialien.
  8. Die Bürgerinnen und Bürger Recklinghausens unterstützen durch ihr Verhalten Einkaufsmöglichkeiten und generell die Infrastruktur im eigenen Stadtteil.
  9. Die für die Planungen Verantwortlichen sorgen dafür, dass Baulücken effektiv geschlossen und begrenzte Wohnbauflächen optimal genutzt werden.
  10. Wohnbauprojekte sind auf ihre sozialen, ökologischen und städtebaulichen Qualitäten zu prüfen. Die Schaffung neuen Wohnraums ist an Qualitätsstandards zu binden; bei bestehendem Wohnraum ist, bevor ein Abriss oder Neubau in Erwägung gezogen wird, die Verbesserung der Qualitäten anzustreben.
  11. Insbesondere im Gewerbebereich muss flächensparenden Bauformen Vorrang gegeben werden.
  12. In der Nähe von Wohngebieten, auch in Innenstadtnähe, wird bei Planungen für Grünbereiche, Frischluftzonen und verzweigte Freiraumflächen gesorgt.
  13. Das Zusammenleben verschiedener Gruppen soll gefördert werden, indem bereits bei der Planung eine Durchmischung verschiedener Wohnformen berücksichtigt wird und zukünftige Bewohner in die Planung mit einbezogen werden.
  14. Die Unternehmen der Bauwirtschaft sollten als Bauträger bzw. Vermieter die Bedürfnisse ihrer potentiellen Bewohnerinnen und Bewohner (z. B. hinsichtlich der Raumaufteilung oder der Wahl der Baustoffe) berücksichtigen. Ökonomische, ökologische und soziale Belange sind dabei abzuwägen.
  15. Wohnungen sollen so angelegt sein, dass sie die Gestaltung flexibler Freiräume ermöglichen, besonders für die Personen bzw. Familienangehörigen, die hauptsächlich für die Familie zu Hause arbeiten („Familienarbeiterinnen").
  16. Ein weiteres Ziel ist, dass wir miteinander, in autofreier Zone, in überschaubaren Nachbarschaften, in Wohnprojekten statt in Reihenhäusern wohnen, damit sich Bindungen an das Wohnquartier entwickeln können und man „sich zu Hause fühlen kann". Die Wohnstrukturen sollten flexibel sein; so können sie sich der jeweiligen Lebenssituation anpassen.

8. Kunst und Kultur erleben

  1. Kunst- und Kulturschaffende können mit und in ihren Arbeiten wichtige Themen der Agenda 21 aufgreifen und auf die Bedrohung unserer natürlichen Lebensgrundlagen aufmerksam machen.
  2. Förderer und private Sponsoren haben oft Einfluss darauf, mit welchen Themen sich Kunst und Kultur auseinandersetzen. So können sie auch in diesem Bereich ihre Verantwortung verstärkt wahrnehmen, damit Bezüge zum globalen Denken, zur Ökologie und zur Völkerverständigung hergestellt werden.
  3. Die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt zeigen auch hier privates Engagement und Eigeninitiative.
  4. Bürgerinnen und Bürger sollen durch Kunst und Kultur neugierig darauf werden, Anderes und Andere zu verstehen.
  5. Kultur sollte spielerisch, ohne künstliche Hemmschwellen dargeboten werden. Kunst und Kultur sollen für alle bezahlbar sein.
  6. Kulturschaffende und -anbieter präsentieren auch für Kinder und Jugendliche ein möglichst vielfältiges Angebot.
  7. Kunst und Kultur sind auch - wie seit je - in ihren zeitkritischen Elementen zu betrachten und anzuerkennen.
  8. Kultur sollte auch direkt vor Ort - d. h. beispielsweise auf einen Stadtteil bezogen erlebbar sein.
  9. Das bisherige kulturelle Angebot ist auf jeden Fall zu sichern, wenn nicht sogar zu erweitern.
  10. Kultur ist auch als Bestandteil des täglichen Lebens zu fördern. Sie sollte nicht nur an Sonn- und Feiertagen in Museen und Theatern erlebbar sein.
  11. Kunst und Kultur von Frauen bildet einen selbstverständlichen Bestandteil des Recklinghäuser Angebots und wird entsprechend gefördert.

Dieses Leitbild für Recklinghausen wurde vom Agendaforum und den Fachforen Nachhaltige Stadtentwicklung und Konsum sowie dem Runden Frauentisch zur Lokalen Agenda 21 erarbeitet.

Lektorische Bearbeitung: Marlies Schwochow Zeichnungen: Heiko Sakurai